
Weit draussen, einsam in oedem Raum
steht ein uralter Weidenbaum
noch aus den Heidenzeiten wohl,
verknorrt und verrunzelt, gespalten und hohl.
Keiner schneidet ihn, keiner wagt
vorueberzugehn, wenn's nicht mehr tagt,
kein Vogel singt ihm im duerren Geaest,
raschelnd nur spukt drin der Ost und West;
doch wenn am Abend die Schatten duestern,
hoerst du's wie Sumsen darin und Fluestern.
Und nahst du der Weide um Mitternacht,
du siehst sie von grauen Kindlein bewacht:
Auf allen Aesten hocken sie dicht,
lispeln und wispeln und ruehren sich nicht.
Das sind die Seelchen, die weit und breit
sterben gemusst, eh' die Tauf' sie geweiht:
Im Saerglein liegt die kleine Leich',
nicht darf das Seelchen ins Himmelreich.
Und immer neue, - siehst es du? -
in leisem Fluge huschen dazu.
Da sitzen sie nun das ganze Jahr
wie eine verschlafene Kaeuzchenschar.
Doch Weihnachts, wenn der Schnee rings liegt
und ueber die Laender das Christkind fliegt,
dann regt sich's, pludert sich's, plaudert, lacht,
da sind die Kaeuzlein aufgewacht!
Sie lugen aus: "Wer sieht was, wer?"
Ja freilich kommt das Christkind her!
Mit seinem hellichten Himmelsschein
fliegt's mitten zwischen sie hinein:
"Ihr liebes Volk, nun bin ich da -
glaubt ihr an mich?" Sie rufen: "Ja!"
Da nickt's mit seinem guten Gesicht
und herzt die Armen und ziert sich nicht.
Dann klatscht's in die Haende, schlingt den Arm
ums naechste - aufwaerts schwirrt der Schwarm
ihm nach und hoch ob Wald und Wies'
ganz graden Weges ins Paradies.
[Ferdinand Avenarius] |